///Was zählt: Zeugnisse oder Leidenschaft?

Was zählt: Zeugnisse oder Leidenschaft?

Stellen Sie sich vor, zwei Bewerber sitzen in Ihrem Büro: Der eine hat ordentliche Zeugnisse, alle notwendigen Zertifikate für die Stelle. Der andere hat nur ein Schulzeugnis, aber ein paar exzellente Arbeitsproben und erkennbar jede Menge Leidenschaft. Für welchen Bewerber werden Sie sich entscheiden? 

Wenn wir in Sicherheitskategorien denken, nehmen wir den Kandidaten mit den Zertifikaten. Denn die Papiere dokumentieren (scheinbar) die Leistungsfähigkeit des Bewerbers. An der Biografie des anderen kommen schnell Zweifel. „Wenn er in seinem Fach so gut ist, warum hat er dann nicht die entsprechende Ausbildung absolviert?“, grübeln wir.

Lehre = Zeitverschwendung?

Mein Denken in dieser Sache hat sich in den vergangenen Wochen verändert, nachdem ich Noah kennengelernt habe. Er ist eine Art Zufallsbekanntschaft über zwei Ecken via Instagram. Noah möchte Fotos von meinem Sportwagen machen. Wir kommen ins Gespräch. Er ist 21 Jahre alt, besitzt Fachhochschulreife – aber keine Berufsausbildung.

Das verblüfft mich. Der Mann könnte studieren, will aber nicht mal eine Lehre machen. Ich will von ihm wissen warum. Seine Antwort: Was er in drei Jahren Lehre lerne, könne er sich genau so gut in sechs Monaten selbst aneignen. „Eine Lehre ist reine Zeitverschwendung“, sagt er. Da bin ich erstmal baff, und zwar so richtig.

Visionäre Leidenschaft

Mit Leidenschaft erzählt Noah von seiner Vision. Er möchte irgendwann Kurzfilme drehen. Filme, die Menschen aufrütteln, die zu Herzen gehen und die Bereitschaft wecken, diese Welt besser zu machen. Er denkt an Videos über Wasserknappheit oder über Menschenhandel. Filme über Mobbing. Auch historische Videos, denn er möchte nicht, dass beispielsweise die Gräuel des Zweiten Weltkriegs in Vergessenheit geraten. Eine beeindruckende Vision eines 21-Jährigen, finde ich.

Der junge Mann ist klug genug zu wissen, dass ihm Aufträge dieser Art nicht einfach zufliegen werden. Deshalb möchte er zuerst sein Business auf solide Füße stellen. Er will Geld verdienen, eine Familie ernähren. Um das zu erreichen, arbeitet er mehr als 300 Stunden im Monat. Er fährt sozusagen seinen persönlichen Drei-Schicht-Betrieb: Am Morgen Fotografieren, am Nachmittag Bildbearbeitung, am Abend ein Job in der Gastronomie. Auch das ist ein Ausweis seiner Leidenschaft. Es hat erkennbar nichts mit Faulheit zu tun, dass er auf eine Lehre verzichtet.

Noah kennt sich aus mit den sozialen Medien. Das ist seine Marketingplattform, sein Vertriebskanal. Und es funktioniert! Er hat bereits Aufträge von Mercedes, Kärcher und HOLZ automation GmbH. Wir sprechen in einem Workshop viel über das Thema, wie wir als Unternehmer den Kunden besser verstehen. Ich bin beeindruckt, wie viel mein Gesprächspartner darüber weiß, wie Kunden ticken. Zur Erinnerung: Noah ist 21.

Warum das Abitur kaum zählt

Zwei Dinge möchte ich von Noah lernen:

Erstens: Beurteile einen Menschen nicht nach seinen Zeugnissen, sondern nach seiner Leidenschaft! Ein Mensch mit einer großartigen Vision erreicht mehr als ein visionsarmer Mensch mit Einser-Abitur.

Zweitens: Qualifikationen lassen sich auch noch später aneignen. Es zählt nicht, ob wir dafür ein Zertifikat bekommen. Es zählt, ob wir damit besser in unserem Job werden. Das ist gerade für mich, der im vergangenen Jahr den Wechsel von der Führungskraft hin zum Unternehmensberater und -coach vollzogen hat, von eminenter Bedeutung.

In einem 21-jährigen Fotografen und Werbefilmer habe ich einen Lehrer gefunden. Danke dafür, Noah!

An dieser Stelle habe ich noch ein weiteres Beispiel für einen visionären Gründergeist: Corny Schelling und sein Kaffeetraum.

Ihnen mehr Erfolg! wünscht Ihr Spurwechsel-Assistent Markus Buschmann

Comments are closed.